top of page

Introvertiert und hochsensibel: Sich anders fühlen und anders fühlen

Aktualisiert: 8. Nov. 2023

Ich bin introvertiert und hochsensibel und habe oft unter dieser herausfordernden Kombination gelitten. Wenn dich die Überschrift angesprochen hat, weißt du wahrscheinlich, was ich mit den Worten „sich anders fühlen oder anders fühlen“ meine. Introversion und Hochsensibilität sind zwei eigenständige Persönlichkeitsmerkmale. Sie bleiben oft im Verborgenen, denn man sieht es niemandem an. Es kann lange dauern, bis Menschen diese Wesenszüge bei sich selbst erkennen.

In diesem Beitrag beschreibe ich, was Introversion und Hochsensibilität ausmacht und zeige anhand von Beispielen und eigenen Erfahrungen, wie facettenreich diese Persönlichkeitszüge sind. Seit ich weiß, „was mit mir los ist“, kann ich mich selbst besser verstehen. Ich habe erkannt, dass meine größten Schätze im „anders sein“ und „anders fühlen“ liegen.


Introvertiert: Zu ruhig für diese Welt?


In meinen Grundschulzeugnissen stand: „Die ruhige, bedächtige Schülerin beteiligte sich nur selten am Unterricht.“ Meine Mutter war jedes Mal darüber entsetzt, und ich fühlte jedes Mal, wie groß ihre Enttäuschung war. „Melde dich öfter und beteilige dich mehr am Unterricht!“ Sie hatte das schon so oft zu mir gesagt, als ob die Wiederholung mir irgendwie hätte helfen können. Ganz im Gegenteil: Ich hätte so gerne ihre Erwartungen erfüllt, aber es gelang mir einfach nicht. Ich wusste ja selbst nicht, was mit mir los war. Meine einzige Erklärung war: Ich bin falsch!


Introversion ist der Gegenpol zu Extraversion. Beides beschreibt die Bandbreite einer Persönlichkeitseigenschaft, die sich darauf bezieht, wie ein Mensch mit seiner sozialen Umwelt interagiert. Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass Introvertierte ihre Energie aus ihrer Innenwelt generieren, Extravertierte aus dem Kontakt mit Menschen.



Typische Eigenschaften introvertierter Menschen:

  • Sie sind zurückhaltend, ruhig und bedacht.

  • Sie sind gerne für sich alleine.

  • Sie vertiefen sich in ihre Aufgaben, arbeiten fokussiert und konzentriert und wirken dabei eher ernst.

  • Sie sind eher konfliktscheu und gehen Streitereien aus dem Weg.

  • Sie sind lieber mit einem oder wenigen vertrauten Menschen zusammen als in Gruppen. Im größeren Kreis fühlen sie sich eher unwohl.

  • Sie beobachten lieber, anstatt im Mittelpunkt zu stehen.

  • Eine laute, hektische und überfüllte Umgebung ist für Introvertierte anstrengend, da ihr Nervensystem von den vielen Reizen und Informationen schnell überstimuliert ist.


Schon früh in meinem Leben habe ich mich anders gefühlt. Ein Foto in meinem Album zeigt eine Situation, die ganz typisch für mich war. Ich war ungefähr 15 Jahre alt und befand mich mit meinen Eltern und ihrem großen Freundeskreis in den Bergen. Auf dem Foto sieht man alle in mehrere Grüppchen aufgeteilt zusammen auf einem Parkplatz stehen. Ich stehe alleine am unteren Rand des Fotos. Ich habe mich unsicher gefühlt und nicht dazugehörend. Tausendmal lieber wäre ich mit meiner besten Freundin zusammen gewesen, denn mit ihr fühlte ich mich sicher und tief verbunden.

Unsere Gesellschaft ist nach außen orientiert und so dominieren extravertierte Verhaltensweisen. Diese Erwartungen zu erfüllen bereitet Introvertierten große Schwierigkeiten. Netzwerken erfordert viele soziale Interaktionen. Das ist für Introvertierte sehr anstrengend und bedeutet eine große Überwindung. Oft werden sie missverstanden und falsch eingeschätzt. In diesem Kontext ist es für sie schwer bis unmöglich, sich zu entfalten und aufzublühen.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, in den oben dargestellten Eigenschaften liegen die großen Stärken der Introvertierten verborgen.

  • Introvertierte lieben es, sich intensiv mit Themen auseinanderzusetzen, gewinnen dadurch tiefe Einblicke und entwickeln innovative Lösungen.

  • Sie denken intensiv über ihre Handlungen und Entscheidungen nach. Diese Selbstreflexion fördert ihr persönliches Wachstum.

  • Introvertierte können gut alleine arbeiten und ihre Zeit produktiv nutzen.

  • In der Stille finden sie Inspiration und können so Einzigartiges gestalten und Kunstwerke schaffen. Viele kreative Köpfe sind introvertiert.


Beispiele für introvertierte Berühmtheiten: Albert Einstein, Eleanor Roosevelt, Keanu Reeves, Barack Obama, Mark Zuckerberg, Emma Watson


Hochsensibel: Zu sensibel für diese Welt?


Ich war Anfang 20 und freute mich sehr auf ein bevorstehendes Konzert. Nachdem meine Freundin und ich uns auf unsere Plätze gesetzt hatten, bewunderten wir das prachtvolle Theater. Ich erinnere mich noch daran, dass ich die Vorfreude im ganzen Körper gespürt habe, wie das Prickeln von Ahoi Brause auf der Zunge. Der Platz neben mir blieb bis kurz vor Beginn des Konzertes frei. Ich roch sie, bevor ich sie sehen konnte. „Hoffentlich kommt sie nicht hierher!“, dachte ich noch, da setzte sich die Dame neben mich und ich erstickte fast in einer Wolke aus einem intensiv duftenden schweren Parfüm. Meine Freundin roch fast nichts und wechselte den Platz mit mir. Geholfen hat es leider nicht. Ich war nicht mehr in der Lage, mich auf das Konzert zu konzentrieren. Da ich meiner Freundin den Genuss nicht verderben wollte, habe ich es ausgehalten und war einfach nur froh, als es vorbei war.

Ich könnte von vielen Erlebnissen dieser Art erzählen, in denen es mir zu laut, zu stinkig, zu kratzig, zu zugig oder einfach zu viel war (und auch heute noch ist). Als Kind und Jugendliche musste ich mir daher immer wieder anhören: „Sei nicht so übersensibel!“. Meine Schlussfolgerung daraus war: Ich bin falsch! Klar, so musste es sein, denn die anderen hatten offensichtlich nicht meine Probleme.


Die Hochsensibilität ist ein Wesenszug, der von Dr. Elaine Aron erforscht und beschrieben wurde. HSP können introvertiert oder extravertiert sein. Das Verhältnis liegt bei 70 % Introversion zu 30 % Extraversion.



Merkmale einer Hochsensibilität (HSP)


Feinere und detailliertere Wahrnehmung

HSP nehmen Details und Nuancen viel feiner wahr. (Gerüche, Geräusche, Licht, Stimmungen, Schwingungen, Energie, Berührungen, Temperatur). Das hat nichts damit zu tun, dass ihre Sinnesorgane leistungsfähiger wären, sondern dass ihre Wahrnehmungsfilter schwächer ausgeprägt sind und ihr Nervensystem empfindsamer ist.


Ausgeprägte Intuition

HSP können „zwischen den Zeilen“ lesen. Sie nehmen Befindlichkeiten, Stimmungen und Beziehungsqualitäten feiner wahr. Wie bei sich selbst, so können sie auch bei anderen Menschen Gefühle differenziert spüren. Sprechen HSP an, was sie fühlen, kann es sein, dass das Gegenüber sich dessen selbst noch gar nicht bewusst ist und dem HSP seine Wahrnehmung abspricht. Hochsensible spüren relativ schnell, ob etwas für sie stimmig ist oder nicht. Sie können es jedoch meist nicht sofort erklären. Solange sie ihrer Intuition nicht vertrauen, ignorieren oder verdrängen sie ihre innere Stimme und zweifeln dann eher an sich als an einer anderen Meinung.


Ich kann die Energie in einem Raum spüren, ob Trauer, Streit, Wut oder Freude. Manchmal stelle ich intuitiv Fragen und bringe damit unangenehme Themen an die Oberfläche. Als Jugendliche fragte ich beispielsweise meinen Vater (die Frage kam wie aus dem Nichts), ob ich ein Wunschkind gewesen bin. Er reagierte sehr aufgebracht, wie ich so eine „unmögliche“ Frage stellen konnte. Damit hatte ich zwar eine Antwort, war aber wieder einmal für meine Intuition abgekanzelt worden.


Intensives Innenleben

HSP erleben ihr gesamtes Innenleben reichhaltiger und differenzierter. Sie tauchen sehr gerne in ihre eigene Welt ab und erforschen diese intensiv. Sie haben auch eine vielschichtige Gedankenwelt und viele können mehrere Gedankenfäden parallel wahrnehmen. An inneren Dialogen sind meist mehrere Anteile ihrer Persönlichkeit beteiligt. Jedoch neigen sie auch zum Grübeln und das hemmt sie in ihrem Tun.


Tiefere und komplexere Verarbeitung von Eindrücken

Das Nervensystem eines HSP ist sehr empfindsam, es wird ständig von Reizen geflutet und das Gehirn läuft auf Hochtouren. Die Menge an Informationen und äußeren Reizen muss verarbeitet werden. Diese Prozesse laufen bei hochsensiblen Menschen tiefer und komplexer ab. Dadurch sind sie schneller erschöpft und brauchen mehr Pausen und Schlaf, um zu regenerieren.


Mein System funktioniert in Phasen. Es gibt Tage, da bin ich voller Energie, hochmotiviert und mache viel. Darauf folgen Tage, in denen ich wenig Energie und kaum oder gar keinen Antrieb habe. Sogar das Denken fällt mir dann schwer. Da hilft nur Ruhe und viel Schlaf. Früher hat mir das sehr zu schaffen gemacht. Andere Menschen scheinen immer auf vollen Touren zu laufen. Inzwischen kenne ich diese Phasen bei mir. Ich weiß, dass ich in Ruhephasen Energie tanke und Eindrücke verarbeite. Oft habe ich dann tolle Erkenntnisse und bin in der folgenden Hochphase hoch motiviert und sehr produktiv.


Neigung zu Überstimulation

Aufgrund der schwächeren Wahrnehmungsfilter wirken zu viele Reize und Informationen auf das empfindsame Nervensystem. Das führt schnell zu einer Überstimulation. Kommen HSPs in Erregungszustände, reagieren sie mit körperlichen und psychologischen Symptomen: z. B. ein beschleunigter Herzschlag, Unruhe, Atemprobleme, Verspannungen der Schultern, rote Flecken. Sie erleben dann tiefe Emotionen wie Angst, Ohnmacht und Wut, es verschlägt ihnen regelrecht die Stimme, sie wollen nur noch weg und sich zurückziehen. Außenstehende können die Ursache oft gar nicht erkennen oder kommen gut damit zurecht.

Selbstzweifel und geringes Selbstwertgefühl

Hochsensible Menschen leiden oft sehr an der Vorstellung, dass sie nicht in Ordnung sind. Alle anderen scheinen ja gut zurechtzukommen. Daher hinterfragen sie sich immer wieder selbst. Sie neigen zu starken Selbstzweifeln und das zeigt sich auch in einem geringen Selbstwertgefühl.

Typische Eigenschaften hochsensibler Menschen

  • Lebhafte Vorstellungskraft

  • Denken in größeren Zusammenhängen

  • Tiefes Reflektieren, Nachdenken und Nachempfinden

  • Gewissenhaftigkeit, Ethik und Gerechtigkeitssinn

  • Perfektionismus, Fehler-Sensibilität bei sich und anderen

  • Gute Zuhörer:innen und echtes Interesse, den anderen zu verstehen

  • Großes Harmoniebedürfnis

  • Lernen gerne und setzen schnell und gut um

  • Interesse an tief gehenden Fragen über das Leben, spirituell

  • Fantasievoll und kreativ

Beispiele für hochsensible Berühmtheiten: Charlie Chaplin, Michael Jackson, Lady Di, Robin Williams, Hermann Hesse, Tim Bendzko


Introvertiert und hochsensibel: Jeder Mensch ist anders


Introversion und Hochsensibilität sind Wesenszüge. Ein Mensch hat sie oder nicht. Daran ist nichts falsch, abnormal oder pathologisch. Sie entwickeln sich aus einer Kombination von genetischen Einflüssen, Neurobiologie, Umwelteinflüssen und frühen Erfahrungen.

So unterschiedlich Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Wesenszüge.


Wer mich nicht gut kennt, würde mich eher für extravertiert halten, denn ich habe eine ausgeprägte, extravertierte Seite. Wenn ich mich wohlfühle, bringe ich mich aktiv in Gruppen ein und stehe auch gerne mal im Mittelpunkt. Ich kann Small Talk machen, fühle mich jedoch schnell davon gelangweilt.

Wenn ich ausgeruht bin, kann ich mich gut konzentrieren und Geräusche, wie z. B. den Motor-Laubbläser leichter ausblenden. Bei Gerüchen dagegen gelingt mir das gar nicht. Anderen gelingt es nicht, sich bei Geräuschen zu konzentrieren, da genügt oft schon ein Gespräch im Hausflur. Eine Freundin von mir hat sich extra Kopfhörer gekauft, damit sie Geräusche ausblenden kann. Sie könnte sonst nicht arbeiten.


Eigenschaften können intensiv ausgeprägt sein oder weniger intensiv. Manche leiden unter bestimmten Eigenschaften, mit denen andere gut umgehen können. Da gibt es keinen Standard. Dennoch gibt es natürlich einige Ähnlichkeiten, die meist zu einem größeren Verständnis von Intros und HSPs füreinander führen.


Intro, HSP und introvertierte HSP im Beruf


Im beruflichen Kontext stehen Intros, HSPs oder introvertierte HSPs oft vor größeren Herausforderungen. Ein hektisches und lautes Umfeld wird schnell anstrengend, wenn das Nervensystem überstimuliert ist. Ein gemeinsames Mittagessen mit Kolleg:innen in der Kantine bedeutet womöglich puren Stress. Die Arbeit ungestört vielleicht im eigenen Büro erledigen zu können und mittags alleine einen kleinen Spaziergang zu machen, kann schon helfen.

Deshalb ist es so wichtig, die eigenen Bedürfnisse und Stärken zu kennen und zu wissen, was einem guttut oder schadet. Es ist hilfreich, mit Führungskräften und Kolleg:innen darüber zu sprechen. So kann Verständnis entstehen und gemeinsam etwas verändert werden. Nicht immer wird es möglich sein, die Aufgaben und das Umfeld passender zu gestalten. Wie das Ergebnis auch ausfällt, ein Arbeitsumfeld auszuhalten, welches einem schadet, macht auf Dauer krank.

Wenn jedoch Intros und HSPs ihre Stärken in einem passenden Umfeld gezielt einsetzen können, dann blühen sie auf und bereichern durch ihre Wesenszüge und Gaben jedes Arbeitsumfeld.


Die Stärken im Anderssein erkennen


Als introvertierte HSP habe ich selbst erfahren, was es bedeutet, sich anders zu fühlen und anders zu fühlen. Ich habe mich oft als zu ruhig und zu sensibel abgewertet, als falsch betrachtet und darunter gelitten, anders zu sein.

Je nach Studie sind 30 % bis 50 % aller Menschen introvertiert und 15 % bis 20 % der Menschen hochsensibel. Seit ich weiß, dass Introversion und HSP zu meinem Wesen gehören, bin ich viel entspannter. Ich verstehe mich selbst besser, ich kenne die Stärken meiner Introversion und Hochsensibilität und kann sie bewusst einsetzen.

Ich bin nicht falsch. Ich bin einfach nur anders. Und irgendwie sind wir doch alle anders.

Ich liebe es, alleine zu sein. Tauche in meine Welt ab, lese, höre Musik, schreibe Tagebuch, gehe spazieren und tanke dabei Energie. Ich führe tiefe, verbundene Gespräch mit feinen Wesen. Das alles nährt mich und erfüllt mein Herz.

Trotzdem blicke ich manchmal ein wenig neidisch auf Menschen, die ganz selbstverständlich auf andere zugehen, ein bisschen hier quatschen, ein bisschen da. Die sich in einem lebhaften Umfeld wohlfühlen und beim Bad in der Menge energetisch aufladen können.

Und vielleicht blicken sie auf mich und wünschen sich meine Fähigkeit, in die Ruhe zu kommen.


Fazit


Es gibt kein „zu ruhig“ oder „zu sensibel“. Daran ist nichts falsch! Introversion und Hochsensibilität sind Persönlichkeitsmerkmale, und keiner ist alleine damit. Diese Erkenntnis kann sehr befreiend wirken. Wer die Schätze in seinem Anderssein und Andersfühlen entdeckt, wird erfahren, wie heilsam das sein kann. Introvertierte können mit ihrer Fähigkeit, zuzuhören und Details zu erkennen, andere Menschen inspirieren. Hochsensible bringen Empathie und Tiefe in zwischenmenschliche Beziehungen. Jeder Mensch ist einzigartig. Wenn wir verstehen und akzeptieren, dass das Leben vielfältig ist, dann erfahren wir, wie bereichernd jeder einzelne Mensch in seinem anders sein für unser aller Leben ist.


Quellen und Buchtipps:


  • Georg Parlow (2003). zartBESAITET – Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen. 2. überarbeitete Auflage. Festland Verlag Wien

  • Cordula Roemer (2017). Hurra - ich bin hochsensibel! Und nun? Springer-Verlag GmbH Deutschland

  • Coedula Roemer (2018). Perlen im Getriebe – Hochsensible im Beruf – Stärken gezielt einsetzen. Humboldt Verlag Hannover

  • Link zur Website von Georg Parlow mit HSP-Test und vielen Informationen zu HSP:


Andrea Wieland ist Impulsvergolderin. Mit Konzepten, Texten und Begleitung unterstützt sie Selbständige bei einer achtsamen PR. Damit ihre Ideen aus dem Herzen heraus freudvoll in die Welt kommen. Infos findest du auf ihrer Webseite unter dem Link www.schreibatelier-wieland.de, außerdem ist sie auf Facebook und LinkedIn.





58 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page